Meines Vaters Land - Geschichte einer deutschen Familie, Wibke Bruhns

  • Meines Vaters Land - Geschichte einer deutschen Familie, Wibke Bruhns
gebraucht
Bestell-Nr.: BN5405
Autor/in: Wibke Bruhns
Titel: Meines Vaters Land - Geschichte einer deutschen Familie
Preis: 5,35 €
ISBN: 343011571X (ISBN-13: 9783430115711)
Format: 22 x 14 cm
Seiten: 400
Gewicht: 655 g
Verlag: Econ
Erschienen: 2004
Einband: Hardcover
Sprache: Deutsch
Zustand: leichte Gebrauchsspuren
ICH HABE EIN FOTO VON MEINEM VATER GEFUNDEN. Es gibt Hunderte - in Alben, in Umschlägen, verstreut zwischen Tagebüchern, Zeugnissen, Briefen. Hans Georg als Kind, als ernsthafter Halbwüchsiger, in Uniform im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, als Ehemann, als Kaufmann, als Vater mit uns Kindern. Dies hier war weggesperrt in einer der Miniaturen, die auf dem Nachttisch meiner Mutter standen.
Nach ihrem Tod hatte ich die drei Bildchen mitgenommen: meine dänische Großmutter Dagmar mit dem unvermeidlichen Blumenhut, Hans Georg in Jagdmontur sitzend auf der Terrassentreppe in Halberstadt, vor sich den erlegten Bock, und meine Mutter Else als kleines Mädchen im weißen Spitzenkleidchen, mit Lackschuhen und schiefen Strümpfen. Alle drei - die zauberhafte alte Dame, der zufriedene Jäger, das skeptische Kind - lächeln mich an seit 15 Jahren auf meinem Schreibtisch, verhalten eher, distanziert aus den kostbaren kleinen Rahmen, derentwegen ich sie da hingestellt habe, und weil sie zu Elses Schlafzimmer gehörten.
Jetzt war sie verrutscht, die Kleinkind-Else, und als ich den Rahmen öffnete, um sie zurück an ihren Platz zu bringen, kam mir Hans Georg entgegen. Verborgen hinter ihrem Kinderportrait hatte Else ihn, einen todtraurigen Mann um die 30 - so verloren guckt er auf keinem Foto außer auf den letzten vor dem Volksgerichtshof. Ich habe das Else-Kind erst mal hinter ihm versteckt, aber lange halte ich das nicht aus, dieses hoffnungslose Gesicht. Vielleicht hatte auch Else ihn deshalb zugedeckt mit ihrer Erinnerung an die ganz frühe Kindheit. Ihr Foto muß um 1900 aufgenommen worden sein, da ist sie kaum
zwei - behütet, umsorgt, geliebt. Alles schien möglich damals, nichts war vorhersehbar von dem, was dann wirklich kam.
Warum überhaupt hat sie dieses verlorene Gesicht ihres damals noch jungen Mannes zurechtgeschnitten für das Oval in dem kleinen, festlichen Rahmen? Die beiden haben viel gelacht zu der Zeit, als dieses Bild von Hans Georg entstand. Sie waren berühmt im Freundeskreis für Schlagfertigkeit und Witz. Und wann hat sie die Fotos gewechselt - nach seinem Tod in Plötzensee? Oder schon vorher, als die jahrelange Trennung im Krieg sie einander entfremdete, als jeder an seinem Platz funktionierte, aber die Gemeinsamkeit verschlissen war? Als Hans Georg Else betrog?
Ich lese seit Monaten in fremden Leben herum, in Briefen, Tagebüchern, in Schriftlichem aus mehr als 100 Jahren, das ich zusammengetragen habe aus den Katakomben der weitverzweigten Sippe. Es gibt sie schon so lange, die Klamroths, und immer haben sie sich als Klan verstanden, auch heute noch, obwohl das Zentrum ihres Bürgerstolzes - Halberstadt - im Krieg für sie verlorengegangen ist. Es ist nicht wirklich fremd, was ich da lese. Ich weiß, wer die Leute sind. Aber ich kenne sie nicht. Hans Georg hatte schon in den 30er Jahren eine 16mm-Kamera und nahm die Feste der Sippe auf: Reitjagden durch den Harz, Boccia im Garten und die großen, damals noch kleinen Kinder auf der Schaukel. Als ich neulich die digitalisierte Fassung der Filme bekam, habe ich jeden erkannt, der dort zu sehen ist, obwohl ich vielen nie oder höchstens als Kleinkind begegnet hin.

Ich sehe Fräcke - mein Gott, was trug man Frack! - und die aufwendig gestylten Damen und frage mich, warum Else so geschmacklos angezogen war, wo sie doch Suli Woolnough hatte, die Schneiderin, deren Eleganz in Halbersradt ein Exotikum war. Prächtig kostümierte Aufführungen bei Polterabenden und zu Großmutter Gertruds 60. Geburtstag haben sie veranstaltet, es tritt auf »Benno Nachtigall«, die familieneigene Balladen- und Moritaten-Band, in meinem Schrank lagern die Bänkellieder und Schüttelverse. 

Fremde Leben.
 
Ich finde Bilder von Hans Georg am Klavier - er hat immer gesungen, alle haben sie gesungen in dieser Familie, mehrstimmig, dauernd, und sie haben Instrumente gespielt, der ganze Klan. Er singt also, der Vater - Kantaten, Gassenhauer, den ganzen Zupfgcigenhansl rauf und runter, nicht zu vergessen die vielen Familienlieder. Aber ich kenne seine Stimme nicht. Nie gehört, behaupte ich, obwohl das nicht sein kann, er wird schon mal was gesagt haben zu mir, dem kleinen Mädchen. Er hat mir bestimmt auch was vorgesungen, wenn er - mal - nach Hause kam aus dem Krieg.
Ich weiß auch nicht, wie der Mann, der mein Vater war, geredet hat. Das wäre wichtig jetzt, wo ich versuche, ihn mir zurechtzulegen. Zappelt er mit den Händen, wie ich, ist er laut, impulsiv? Wenn er schreibt, und er schreibt viel, klingt er überlegt Er verschreibt sich nie, auch mit der Maschine nicht. Er muß sich nicht korrigieren, weder im Satzbau, noch in der Orthographie, schon gar nicht in seinen Gedanken. Sehr aufgeräumt, das Ganze. Und die Schrift erst - klein gestochen leserlich sowohl in Sütterlin als auch in Latein. Er schreibt wie sein Vater - überhaupt mein Großvater, ob es sonst noch jemand gibt, vor dem er so viel Respekt hatte? Allein wie sie Fotoalben anlegen, alle beide - weiße Tinte, akkurate Randlinien um jedes Bild gezogen, minutiös beschriftet.
Und dann Else: Chaos im Kopf und in der Schrift, überbordend, ausladend, durcheinander. Riesige Buchstaben, aufund absteigende Zeilen, durchgestrichen, drübergeschrieben. Wenn sie Formulare mit der Hand ausfüllt, tobt ihre Schrift
wie ein gefangener Hund im Käfig. Es gibt ein großes Haus haltsheft - Etatplanung und Kostenübersichten für die Jahre
1938 bis 1943. Da haben sie beide abwechselnd Buch geführt - Hans Georg in schnurgeraden Zahlenkolonnen, kein
Rechenfehler, nie ein Zweifel. Else trabt durch die Spalten, setzt zügig Fragezeichen, Fußnoten - lange Jahre nach dem Krieg
hat sie noch mit solchen Abrechnungen gekämpft Sie haben nie gestimmt, Else war immer verzweifelt, sie wäre so gern
ordentlich gewesen.

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