Jeremia Auslegung allg.

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Jeremias als Beispiel zur Nachahmung BdH 1873
Es ist für uns wichtig, die Werkzeuge zu betrachten, deren Gott Sich bedient, um Seine Ratschlüsse zur Ausführung zu bringen. Diese Werkzeuge sind meist so beschaffen, daß der durch die Sünde verdorbene Mensch sie sicher als ungeeignet ablehnen würde, während sie, wenn Gott sie für Seine Zwecke zubereitet hat, Seine Macht bezeugen und Seinen Namen verherrlichen.
Hierfür liefert Jeremias ein treffendes Beispiel. Wie ängstlich und zurückhaltend er auch von Natur sein mochte, der .Herr verlieh ihm einen unerschrockenen Mut und befähigte ihn eine Aufgabe auszuführen, vor welcher normalerweise selbst das mutigste Herz zurückgeschreckt wäre.
Es ist in der Tat stets ein mühevolles Unternehmen gegen das Böse zu zeugen, um damit die Bosheit unserer Umgebung bloßzustellen und die Sünde eines Volkes zu bekämpfen. Schon der Gedanke an eine solche Arbeit macht uns zittern. Das aber ist ganz natürlich; denn welche Kraft hat das irdene Gefäß in sich selbst? Doch wenn der Herr mit einem schwachen Gefäß ist und es zu Seinem Gebrauch zurichtet, dann wird es in Seiner Hand „zu einer festen Stadt und zu einer ehernen Mauer" (Jer 1, 18). Seine Leitung und Zurichtung der Gläubigen gegen den Strom der Gedanken und Meinungen der Welt zu schwimmen, gegen die Regeln und Gewohnheiten derer anzugehen, die, was ihr öffentliches Bekenntnis auch sein mag, sich wider Gott erhoben und unter der Macht und Autorität des größten Feindes Gottes stehen. „Die Freundschaft der Welt ist Feindschaft wider Gott". Dazu gehört Glauben, und dieses Werk des Glaubens zeugt von der Ohnmacht des Geschöpfes und von der Macht Gottes. Wenn wir auf unsere eigene Macht vertrauen und den Sieg von unserer Stärke erwarten, dann suchen wir nach keiner anderen Hilfe; wenn wir hingegen fühlen, daß die Aufgaben zu welchen wir berufen sind, unsere Kräfte übersteigen, dann können wir nur in der Kraft eines Anderen unseren Weg fortsetzen. Wendet sich dann das Geschöpf von allen irdischen Stützen ab, und sieht nur auf Gott hin, so wandelt es durch den Glauben. Der Wandel im Glauben ist geradezu
das Gegenteil von dem, was der. natürliche Mensch zeigt, - ein Wandel, der gerade das tut, was weltliche Klugheit vermeiden würde.
Jeremias gleicht, als ihn der göttliche Befehl erreicht einem schwachen und schüchternen Kind. „Ach Herr, Jehova! siehe, ich weiß nicht zu reden, denn ich bin jung" (V. 6). So lauten die ersten Worte des künftigen Propheten. Er, der „den Völkern zum Propheten gestellt" war, erschrickt über den ihm aufgetragenen Dienst und sagt: „Ich hin zu jung". Wußte denn der Herr das nicht? Sicher, denn Er hatte bereits gesagt: „Ehe ich dich bildete im Mutterleibe, habe ich dich erkannt, und ehe du hervorkamst aus der Mutter, habe ich dich geheiligt, habe dich den Völkern zum Propheten bestellt". Der Auftrag entsprang also nicht dem eigenen Gedanken, sondern dem Willen Dessen, Der ihn zu den Völkern sandte und ihn schon vor seiner Geburt für dieses Werk gebildet und abgesondert hatte.. Bevor Jeremias die Laufbahn seines prophetischen Dienstes betrat, hatte der Herr ihn geheiligt und den Völkern zum Propheten gestellt.
Wie trostreich und ermutigend eine solche Ankündigung für den auch sein mag, der gelernt hat, sein Vertrauen auf den lebendigen Gott zu setzen, bei Jeremias blieb sie wirkungslos. Er war nur mit seiner Schwachheit beschäftigt; allein diese sah und fühlte er, und darum entgingen ihm die Worte: „Ich habe dich gekannt; ich habe dich geheiligt". Daraus erklärt sich sein Einwurf: „Ich bin jung". Seine Jugend und sein Mangel an Beredsamkeit sind in seinen Augen wesentliche Hindernisse für eine göttliche Sendung.
Wie oft begegnen wir bei Kindern Gottes ähnlichen Bedenken, haben vielleicht bei uns selbst schon solche Erfahrungen gemacht. Wir tun oft so, als gäbe es Schwierigkeiten, die Gott übersehen habe, und die uns in der Tat verhindern, dem Willen Gottes Gehör zu geben. Gott ruft, und wir machen allerlei Einwendungen: unsere Jugend, unseren Mangel an Beredsamkeit, wie Jeremias und Moses. Hat Gott Sich etwa getäuscht? Wie wäre das möglich? Er kennt unsere Unfähigkeit und es ist gut, wenn auch wir von der eigenen Schwachheit überzeugt
sind und fühlen, daß wir aus uns selber nichts vermögen. „Bin ich schwach, so bin ich stark". Aber ist es nie gut, unsere Schwachheit zum Vorwand für unseren Ungehorsam. gegen Gott zu gebrauchen? Wir können sicher nicht tief genug von unserer Nichtigkeit überzeugt sein, aber wir bedürfen ebensosehr des Bewußtseins, daß Gott allmächtig ist. Gehorsam gegen den Herrn geziemt sich allezeit. Gott hatte den Propheten zu einem Dienst berufen, wie unfähig sich dieser auch dazu fühlen mochte, und menschlich gesprochen eignete er sich dafür nicht. Deshalb hätten Menschen auch eine andere Wahl getroffen. Isai beispielsweise dachte nicht daran, den kleinen David vor Samuel zu bringen, und selbst Samuel hielt den Eliab für den Auserwählten Gottes. Aber erst als David kam, stand der Gesalbte des Herrn vor ihnen.
Jeremia beging einen Irrtum, als er dem bestimmten Befehl Gottes widersprach. Er konnte damit die Absicht Gottes nicht vereiteln, sondern mußte früher oder später doch gehorchen. Was nützte Jonas der Versuch sich dem Auftrag Gottes durch die Flucht nach Tarsis zu entziehen? Durch seinen Ungehorsam konnte er das Werk nur verzögern, jedoch nicht den Rat Gottes verändern. Er mußte gehen, und er ging später auch. Israel in der Wüste schrak vor dem Kampfe mit den Kanaanitern zurück. Ja es verschob diesen Kampf vierzig Jahre lang; aber er mußte dennoch ausgeführt werden. Dieselben Feinde, vor denen die Väter sich gefürchtet hatten, mußten von den Kindern überwältigt werden. - Vergeblich bemühte sich Jeremias, den Sinn des Herrn zu ändern (Jer „Der Herr der Heerscharen hat es in seinem Rat beschlossen, wer wird es brechen"? Die Schwachheit des Propheten offenbart nur die Gnade des Herrn, Der durch die Zusage Seiner Hilfe und Beschirmung den ängstlichen >Diener zu ermutigen sucht. „Sprich nicht: Ich bin jung; denn zu allen, wohin ich dich senden werde, sollst du gehen, und alles was ich dir gebieten werde, sollst du reden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu erretten, spricht Jehova" (V. 7. 8).

Weder seine Jugend, noch der Mangel an Beredsamkeit waren in den Augen des Herrn triftige Gründe zur Ablehnung des Prophetenamtes. „Und Jehova streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an, und Jehova sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich bestelle dich an diesem Tage über die Nationen und übdie Königreiche, um auszurotten und abzubrechen und zu verderben und zu zerstören, um zu bauen und zu pflanzen" (V. 9, 10). Welch ein Befehl! Entsetzlich für die Natur des Menschen Aber der Glaube erkannte hier den Willen Gottes, und das genügt.
Doch hiermit endigte das Werk des Propheten nicht. Er hätte seine Prophezeiungen an die in Betracht kommenden Völker durch Beten kund tun können, wie er es in anderen Fällen auch getan hat (siehe Kap 27, 3; 51, 59-64). Doch das ward ihm hier versagt; er mußte persönlich zu den Betroffenen gehen, über Juda weissagen und über Jerusalem Gerichte ankündigen. „Du aber' umgürte deine Lenden und mache dich auf und rede zu ihnen alles, was 'ich dir gebieten werde; sei nicht verzagt vor ihnen, damit ich dich nicht vor ihnen verzagt mache. Und ich, siehe, ich mache dich heute zu einer festen Stadt und zu einer eisernen Säule und zu einer ehernen Mauer wider das ganze Land, wider die Könige von Juda, ihre Fürsten, ihre Priester und das ganze Land, wider die Könige von Juda, 'ihre Fürsten, ihre Priester und das ganze Volk des Landes. Und sie werden wider dich streiten und nichts wider dich vermögen; denn ich bin mit dir, spricht Jehova, um dich zu erretten" (V. 17-19). Hier war also kein Ausweichen möglich. Trat er zurück, dann wollte der Herr ihn in ihren Augen beschämen, schritt er vorwärts, so begegnete er ihrem Widerstand und ihrem Haß. Ein Stillstehen war also unmöglich, ein Zurückkehren nicht in Erwägung zu ziehen. Es blieb ihm nur übrig voranzuschreiten und auf die Zusage zu vertrauen, denn diese Zusage war das Wort seines Gottes.
Seine Botschaft war Ankündigung von Strafe und Gericht. Ankündigung des zukünftigen Zorns, allerdings vermischt mit einzelnen besonderen Verheißungen. Es gibt Menschen, die ein Vergnügen daran finden, das Böse unter ihren Mitmenschen herauszustellen und die über ihrem Haupte schwebenden Gerichte anzukündigen. Hätte Jeremia 'dazu gehört, so würde ihn die Voraussicht der Verwirrung und des Elends seiner Widersacher für seine Mühsale entschädigt haben. Aber er war nicht ein Mann dieser Art. Zwar konnte er - das entsprach dem Charakter der jüdischen Haushaltung - uni die Bestrafung
seiner Feinde bitten (s. Kap 15, 15), aber sein Herz ist betrübt über das Übel, das er ankündigen muß (Kap 4, 19-26; 8, 18-22; 9, 1; 13, 17). Sein prophetischer Dienst stand daher keineswegs in Übereinstimmung mit seinen natürlichen Gefühlen. Von Natur schüchtern, sträubte er sich gegen den Streit mit den Missetätern und die Prophezeiung des Elends und der Gerichte über sein Volk bewegten sein zartes Gemüt so stark, daß nur 'der bestimmte Befehl seines Herrn 'die aus der Tiefe seiner Seele aufsteigende Fürbitte zurückzuhalten vermochte (Kap 7,
16; 11, 14. 15; 14, 11; 15, 1),
Vom Anfang bis zum Ende seines Dienstes mußte er sich mit dem gottlosen Teil seines Volkes befassen, ja mußte selbst das Haus des Königs betreten, um den kommenden Jammer zu verkündigen. Der Herr stellte ihn beständig in den Vordergrund und bedachte ihn mit einem in die Augen fallenden Platz in der Geschichte seines Landes. Und wie verhält sich Jeremias in dieser nicht von ihm gewünschten Stellung?
Er beginnt seine öffentliche Laufbahn damit, daß er zu dem Gewissen redet und die Volksmenge von 'der Größe ihrer Schuld zu überzeugen trachtet. Vom zweiten bis zum zwölften Kapitel stellt er ihnen ihre Ungerechtigkeit vor Augen, die in drei Punkten zusammengefaßt werden; er zeigt 'ihnen ihr allgemeines Verderben, ihre Abgötterei und ihre Bundbrüchigkeit. In den Kapiteln 2-6 entfaltet er ihre allgemeine Verdorbenheit, indem er Jerusalem an alles 'G'ute erinnert, das Gott 'dem Volke von Anfang an erwiesen hat, aber 'das es stets mit Undank belohnt hat. Hatten doch die Kinder Israel Ihn,' „die Quelle des.leb.end.igen Wassers, verlassen, um sich selbst Gruben auszuhauen, geborstene Gruben, die kein Wasser halten". Hatten sie sich doch von dem Herrn abgewandt und zu den Assyrern hingewandt und schließlich, da diese sich als gewalttätig erwiesen, die Hilfe der Ägypter gesucht. In ihrer Mitte hatte die Abgötterei samt den damit verbundenen Untugenden eine feste Stätte gefunden (Kap 2, 27; 3, 9; 5, 7-9), während das Wort des Herrn keinen Glauben fand. Dazu erwiesen sie sich als Ausführer, so daß die Handlungen Gottes in Seiner Vorsehung wirkungslos blieben (Kap 3, 3). „Gleichwie ein Brunnen sein Wasser quellen läßt, so läßt sie 'ihre Bosheit quellen. Sie schämen sich gar nicht; ja, sich zu schämen, kennen sie nicht...

Man nennt sie verworfenes Silber; denn Jehova hat sie verworfen" (Kap 6, 7. 15. 30). Inmitten eines solchen Zustandes war Jeremias als „Warte und Feste" gesetzt.
In den
Kapiteln 7-10 wird der Prophet zu den Männern von J uda in das Haus des Herrn gesandt, um ihre scheußlichen Sünden kundzutun - Sünden, die sie unter dem Rufe begingen: „Jehovas Tempel, Jehovas Tempel ist dies"! Sie waren Scheinheilige, konnten stehlen, morden, Hurerei treiben, auf den Altären Baals räuchern und dennoch das Haus des Herrn unter dem Vorgeben betreten, daß sie erlöst seien, um all diese Dinge zu tun. Sie trieben Abgötterei wie die Nationen, zu denen durch ihn, der „den Völkern zum Propheten gestellt war", die Botschaft gesandt wurde: „Die Götter, die den Himmel und die Erde nicht gemacht haben, werden vertilgt werden von der Erde und unter diesem Himmel hinweg" (Kap 10, 11). Aber der Herr, Gott, wird diesen Abgöttern gegenübergestellt (V. 14-16) und Sein Grimm über die Nationen herabgerufen. Denn sie haben Jakob aufgezehrt, ja, sie haben ihn aufgezehrt, ihn vernichtet und seine Wohnung verwüstet" (V. 25).
Doch neben der mit den Nationen gemeinsamen Abgötterei  und den damit verbundenen Verfehlungen gab es eine ganz spezielle Sünde der Kinder Israel: sie hatten den Bund gebrochen. Diese Sünde wird ihnen im elften und zwölften Kapitel vorgehalten. Darum hatte Gott Sein Haus verlassen und Sein Erbe verworfen (Kap 12, 7). Doch danach verheißt Er, Sich ihrer zu erbarmen. Das Volk sollte wieder hergestellt, werden, während alle, die Seinen Zorn erweckt hatten, ausgerottet werden sollten.
Nach diesen drei Anklagen wird dem Propheten unter verschiedenen Bildern die Gewißheit der Verwerfung des Volkes angedeutet. Der verdorbene Gürtel am Ufer des Euphrat (Kap 13) bezeichnet die erniedrigte Hoffart. „Ich werde sie zerschmettern einen gegen den anderen, Väter und Kinder zugleich, spricht Jehova". Der. Herr wird niemanden verschonen und sich ihrer nicht erbarmen.

Im Zusammenhang mit einer Dürre muß der Prophet wiederholt erfahren, daß der Herr keine Fürbitte annehmen will. Schwert, Hunger, Tod und Gefängnis sollten das Los der Gesetzlosen sein; von diesen aber hatten sich ‚die Treuen zu trennen (Kap 14, 15). Die beiden folgenden Kapitel zeigen, wie weit diese Absonderung gehen muß; nicht nur mit dem Herzen, sondern auch durch die Tat müssen sie sich von ihnen scheiden (Kap 16, 1-8). Ein solcher Pfad ist immer mühevoll, aber der Herr reicht Stärkung dar. Die Treuen erhalten die Zusicherung des Segens, der auf jedem ruhen wird, dessen „Vertrauen Jehova ist", während der Fluch denen folgt, welche sich auf Menschen stützen (Kap 17, 5-8). Das Gefäß, das unter der Hand des Töpfers verdorben, sowie der Krug, der von dem Propheten vor den Augen der Ältesten des Volkes und der Ältesten der Priester zerbrochen wird, bezeichnen die Macht Gottes und Sein Recht, mit Seinem Volk zu machen, was Er will (Kap 18, 1-6; 19,1).
Die Kapitel 21-24 beschäftigen sich mit dem königlichen Hause Davids, mit dessen Züchtigung und der zukünftigen Herrlichkeit, die sich an dieses Haus knüpft. Sallum, der Sohn Josias, soll nicht mehr zurückkehren, soll sein Vaterland nicht wiedersehen (Kap 22, 11). Jojakim soll „mit eines Esels Begräbnis begraben werden" (V. 19). Konja, ein verachtetes, zerbrochenes Gefäß (V. 19) soll in Babel kinderlos sterben. Dennoch sollte das Haus Davids nicht für immer beiseitegesetzt werden. „Siehe, Tage kommen, spricht Jehova, da ich dem David einen gerechten Sproß erwecken werde, und er wird als König regieren und verständig handeln, und Recht und Gerechtigkeit üben im Lande. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen; und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Jehova unsere Gerechtigkeit" (Kap 23, . 6). Aber diese Verheißung gehört der Zukunft an. In den Tagen Jereniias erschien sie als Lichtblick inmitten der Ungerechtigkeit der Könige, der Propheten und der Priester. Bevor sie jedoch verwirklicht werden und die Herrschaft der Gerechtigkeit beginnen konnte, mußte ein allgemeines Gericht über die Völker ausbrechen. Der Becher, der zunächst von Juda getrunken wurde, mußte später von allen Völkern und selbst von Babel - dieser Rute, deren. Gott Sich zur Ausführung Seiner Ratschläge bediente - geleert werden (Kap 25).
In dem folgenden Teil des Buches geht es darum, daß die Herrschaft, die von Juda gewichen war, den Händen der Nationen überliefert werden mußte, und alle hatten sich zu unterwerfen,

weil Gott es so wollte. Dem Propheten erwuchs hieraus eine schwierige Aufgabe; er mußte seine Landsleute - soweit sie sich noch in Judäa befanden, aber auch soweit sie bereits gefangen weggeführt waren - und die umwohnenden Nationen ermahnen, sich der Herrschaft Nebukadnezars zu unterwerfen. Diese Herrschaft sollte sich jedoch auf eine bestimmte Zeit beschränken. Später sollte Israel wieder hergestellt werden, seine eigenen Herrscher haben und David, der König Israels, wieder in seiner Mitte sein. Das ist der Inhalt der Kap 26-33. In den Kapiteln 35-45 ist das unterschiedliche Los derer aufgezeichnet, die nur zum Schein, und derer, die in Wirklichkeit gehorsam sind. Jene werden vertilgt; diese retten ihr Leben. Die letzten Kapitel des Buches beschäftigen sich mit Weissagungen über verschiedene Völkerschaften.
Jeremias mußte nach alledem während seines ganzen Dienstes eine in die Augen fallende Stellung bekleiden, die zugleich schwerwiegende Folgen mit sich brachte. Viermal war sein Leben in Gefahr (s. Kap 11, 19-21; 26, 11; 36, 26; 38, 4). Einmal finden wir ihn im Gefängnis (Kap 20). Zweimal wird er in das Haus der Grube und in die Zellen, dann in die Grube Malchijas und schließlich in den Hof des Gewahrsams gebracht „bis auf den Tag, da Jerusalem eingenommen ward" (Kap 37, 16; 38, 6. 13; 39, 14). Das Buch endet mit der Wegführung des Propheten nach Ägypten durch Jochanan mit dem IJ"berrest des Volkes. In der Tat, Jeremias war ein Mann der Schmerzen. „Wehe mir, meine Mutter, daß du mich geboren hast, einen Mann des Haders und einen Mann des Zanks für das ganze Land! Ich habe nicht ausgeliehen und man hat mir nichts geliehen; doch alle fluchen mir" (Kap 15, 10).
Welch eine Stellung hatte Jeremias einzunehmen! Vom 13. Jahre des Königs Josia an bis zur Flucht Jochanans nach Ä'gyp-ten, also während eines Zeitraums von vierzig Jahren, strafte Jeremias sein Volk und warnte es vor den kommenden Gerichten. Bei verschiedenen Gelegenheiten brach die Wut seiner Landsleute in hellen Flammen gegen ihn aus; aber dennoch blieb er standhaft. In Kapitel 26 Vers 14 wird uns ein herrliches Beispiel von seiner Unerschrockenheit und Treue gezeigt. Die Priester, sowie die Propheten und ihre Anhänger bringen ihn in die größte Gefahi, aber nirgends zeigt sich bei ihm ein Zurückweichen, feige Unterwürfigkeit, oder ein Nachgeben.
„Aber ich, ich bin in euren Händen, tut mir, wie es gut und wie es recht ist in euren Augen"! Er will lieber in den Tod gehen, als seine Worte zurücknehmen, als sich weigern, das auszusprechen, was Gott befohlen hat. Wie sehr unterscheidet sich jetzt seine Sprache von früher (Kap i). Damals fürchtete er sich vor den Menschen; jetzt fürchtet er Gott allein. Er spricht ohne Scheu alles aus, was ihm zu sagen aufgetragen ist, und überläßt die Folgen dem Herrn. Er hatte vielfältig zu leiden. Er litt unter der Voraussicht der Leiden, die über sein Land kommen sollten, 'durch das Hinweisen auf diese Leiden; er litt unter 'der Hand seiner Landsleute, die ihm das Gute mit Bösem, die Liebe mit Haß vergalten. Während ihm der heidnische Monarch, dem er die Verwüstung seines Reiches und die Einnahme seiner Hauptstadt vorhergesagt hatte, mit Güte behandelte (Kap 39, 21. 12; 40, 4), begegneten ihm seine eigenen Mitbürger - mit Ausnahme einiger ausgezeichneter Personen, wie Ahikan und Ebed-Melech - nur mit Bitterkeit, Feindschaft und Verfolgung. So wird uns also in. Jeremias die Schwachheit des Geschöpfes und die Kraft, die Gott schenken kann, vor Augen gestellt. Zuweilen strauchelte er. Nur Einer lebte auf Erden, der Seinen Pfad ohne Straucheln wandeln konnte. Wenn wir aber auf die Schwachheiten des Propheten hinweisen, so geschieht es nicht, um ein Urteil über ihn zu fällen oder um menschliche Gebrechen hervorzukehren. Seine Fehler, seine Schwachheit und seine natürliche Schüchternheit gereichten vielmehr dazu, die Kraft Gottes überzeugend zu veranschaulichen. Wir sehen wie Gott ein Werkzeug, das 'in den Augen der Menschen höchst untauglich erscheint, zu größten Taten zu befähigen vermag, und wie Er eine dem Ansehen nach gänzlich ungeeignete Person für ein großes Werk tatkräftig zubereiten kann.
Was aber war das Geheimnis der Kraft, die wir bei dem Propheten entdecken? Er gehorchte Gott ohne Säumen und trug Ihm alle seine Schwierigkeiten mit kindlicher Einfalt vor. Anfangs freilich, als er, berufen wurde, brachte er seine Zweifel zur Sprache, bevor er gehorchte; später aber gehorchte er sofort und berichtete hernach über seine Schwierigkeiten. Den Weg des Gehorsams hatte er also beim Beginn seiner Laufbahn gelernt. Sind auch wir im Gehorsam geübt?

Oft verwundeten die Aufträge, die er zu überbringen hatte, sein Herz; dennoch überbrachte er sie, wie sie ihm aufgetragen waren. Das war das Geheimnis seiner Standhaftigkeit. Überzeugt, daß er das Wort Gottes besaß, trat er dem Widerstande der Priester, der Propheten, der Könige und des Volkes entgegen. Wer ihm auch widerstehen, wer ihn auch bedrohen mochte - gleichviel, Jeremias mußte sprechen, und er sprach. Bezeichnend in dieser Beziehung ist sein Auftreten, nachdem er die Verwüstung der Stadt geweissagt hatte und deswegen von Paschchur, dem Oberaufseher des Hauses des Herrn in das Gefängnis geworfen worden war (Kap 20). Er hatte also wegen seiner Treue zu Gott bereits die Macht der Menschen erfahren. Aber kaum hatte man ihn am folgenden Tage aus dem Gefängnis entlassen, so wiederholte er jene unangenehme Wahrheit, beschuldigt den Paschchur, mit Lügen geweissagt zu haben, und nennt ihn deshalb „Mager Missabib" (Schrecken ringsum).
Gott gegenüber findet der Prophet hiergegen ganz andere Worte: „Jehova, du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag; jeder spottet meiner. Denn so oft ich rede, muß ich schreien, Gewalttat und Zerstörung rufen; denn das Wort Jehovas ist mir zur Schmach und zum Spott den ganzen Tag. Und spreche ich: Ich will ihn nicht mehr erwähnen, noch in seinem Namen reden, so ist es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen; und ich werde müde, es auszuhalten, und vermag es nicht" (V. Während er also mutig wie ein Löwe, gleich einer ehernen Mauer und einer eisernen Säule vor den Menschen steht, entfaltet er seine Gedanken und seine Furcht vor dem Herrn. Vor Ihm schüttet er seine Klagen .aus, bekennt sein Säumen und nennt seine Beschwerden. Dem Herrn öffnet er sein Herz, und das bewirkt Vertrauen; denn der Herr, vor Dem und zu Dem er redet, war mit Jeremias „wie ein gewaltiger Held"; darum konnte er ausrufen: „Meine Verfolger werden straucheln und nichts vermögen; sie werden sehr beschämt werden, weil sie nicht verständig gehandelt haben: eine ewige Schande, die nicht vergessen werden wird" (V. 11).
In diesem Vertrauen kann er den Herrn preisen und andere ermahnen, dasselbe zu tun, und zwar auf Grund einer beschlossenen Befreiung. „Singet Jehova, preiset Jehova! denn er hat die Seele des Armen errettet aus der Hand der Cbeltäter"

(V. 13). Für Jeremias ist der Pfad des Gehorsams der einzig sichere und im Glauben wandelt er auf diesem Pfad. Der Gehorsam treibt Ihn vorwärts; der Glaube hält ihn aufrecht. Aber der Weg des Gehorsams bringt nicht Ruhe und Gemächlichkeit. Er. räumt Schwierigkeiten nicht hinweg; sondern scheint sie erst recht hervorzurufen. Es ist der Glaube, der den Weg eröffnet diese Schwierigkeiten zu überwinden; er stützt sich auf den berufenden Gott, und überläßt sich selbst und alles Seiner weisen und gütigen Hand.
In früheren Tagen als die Kinder Israel vom Roten Meer und von den Feinden auf allen Seiten eingeschlossen waren, erhielten sie den Befehl weiterzumaschieren. Ihr Gehorsam wurde damit auf die Probe gestellt, es war die Frage, ob sie dem Herrn vertrauten, daß Er ihnen den Weg öffnen werde. Ebenso war es mit Jeremias und ist es mit dem ganzen Volk Gottes. Der einzig fundierte Grundsatz ist der auf dem Glauben gegründete Gehorsam. Jeremias hatte vielen Schwierigkeiten Trotz zu bieten. Sein Gehorsam führte ihn ins Gefängnis, wo seine Füße gefesselt wurden, er mußte einige Zeit in einer Grube zubringen, wo er tief in den Morast hineinsank und das alles und noch mehr hatte er wegen seines Gehorsams gegen Gott durchzumachen. Aber er konnte dem Herrn vertrauen, daher jeder Schwierigkeit ins Auge sehen und seinen Weg unbeirrt fortsetzen. Das schloß nicht aus, daß sein Glaube mitunter schwach war dieses Kapitel liefert ein Beispiel von dieser Schwäche (V. 14-18). Doch der Grundsatz seines Wirkens war Gehorsam, und dieser Grundsatz ließ ihn erfahren, daß Kraft genug vorhanden war, jede Probe zu bestehen, der er unterworfen wurde. Das zeigt sich, als er den Auftrag erhielt, von Hannamel, dem Sohne seines Oheims Schallum ein Feld zu kaufen (Kap 32). Jeremias begreift den Auftrag nicht; aber er kauft den Acker nach dem Worte des Herrn und befragt den Herrn di.eserhalb erst, nachdem der Kauf vollzogen ist. Und der Herr, Gott, Der allezeit dem Glauben Seiner Kinder begegnet, antwortet ihm mit Worten des Trostes, indem Er ihm die Segnungen vorstellt, die für das Volk und für das dem Propheten so teure Land vorgesehen waren.

Das ist sehr lehrreich für uns. Ist der Prophet gehorsam, sobegegnet er stets der Treue Gottes. Der Herr hatte ihm verheißen, daß seine Feinde nicht die Oberhand über ihn haben sollten und das erfüllte sich immer wieder. Sie konnten ihn bedrängen, ihm Schmerzen bereiten, ihn bedrohen und gefangennehmen; sie konnten ihm nach dem Leben trachten; aber sie vermochten ihn,, das Leben nicht zu nehmen. Paschchur sollte in Babel sterben. Hananja sollte in demselben Jahr, in welchem er fälschlich geweissagt hatte, aus 'dem Leben scheiden; tatsächlich starb er zwei Monate nach seiner Prophezeiung, weil er Aufruhr gegen den Herrn gepredigt hatte (Kap 28, 1-17). Schen-taja, der Nechlan,,iter, sollte das Gut nicht schau en, welches der Herr den Kindern Israel verheißen hatte, und niemand aus seinem Samen sollte in der Mitte des Volkes wohnen (Kap 29, 32). Doch unserem Propheten hatte Gott Selbst zugesagt: „Ich bin mit dir, dich zu erretten, spricht Jehova". Es sind nur wenige, aber bedeutungsvolle Worte; denn sie versichern ihm die Gegenwart Gottes und erfüllten sich vollständig. Er mußte in ein fremdes Land gehen und mit dem • Überrest seines Volkes die Leiden der jüdischen Nation teilen. Der Herr machte ihii zu einer ehernen Mauer, und wer konnte „das Eisen des Nordens und das Erz zerbrechen" (Kap 15, 12)?
In der Tat. Jeremia war ein Mann der Schmerzen. Und dennoch genoß er die Freude - trotz der Umstände und selbst inmitten seiner schwersten Prüfungen. Diese Freude hatte ihre Quelle in dem Worte seines Gottes. Was dem äußeren Auge die Ursache seiner Beschwerden zu sein schien, das eben brachte ihm Linderung in den Leiden. „Waren deine Worte vorhanden, ich habe sie gegessen und dein Wort ist mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens gewesen; denn ich bin nach deinem Namen genannt, Jehova, Gott der Heerscharen" (Kap 15, 16). War nun einerseits das von ihm in seinem Herzen aufgenommene • Wort Gottes • eite 'Quelle an Freude, so war es andererseits auch das Mittel, wodurch er sich von dem ihn umringenden Bösen trennen mußte: „Ich' saß nicht im Kreise der Scherzenden und frohlockte; deiner Hand wegen saß ich allein, weil du mich mit deinem Grimm erfüllt hast" (V. 17). Als Repräsentant des treuen Cberrests drückt er hier seine Leiden aus. Doch welchen Kummer er auch in seiner Stellung durchzumachen hatte, so war diese Stellung doch der Platz des Zeugnisses. Das ergibt sich aus den Worten: „Wenn du das Köst-
liche vom Gemeinen ausscheidest,so sollst du wie mein Mund sein. Jene, sollen zu dir umkehren; ‚du aber sollst nicht zu ihnen umkehren. Und ich werde dich diesem Volke zu einer festen ehernen Mauer machen, und sie werden wider dich streiten, aber dich nicht überwältigen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten und dich zu befreien, spricht Jehova. Und ich werde dich befreien aus der' Hand de Bösen und dich erlösen aus der Faust der Gewalttätigen" (V. 19-21).
Wir sehen also, was das Wort des Herrn für Jeremias war. Nach diesem Wort wandelte. er in Gehorsam; aus diesem Worte empfing er Trost und Freude, und mittels dieses Wortes schied er sich von der Sünde, die ihn umringte. Und was das Wort. des Herrn für den Propheten war, das ist es zu.allen Zeiten für das Volk Gottes Begreifen, wir es so? Jeremias wandelte nicht nach seinen eigenen Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen. Er wandelte nach dem geoffenbarten Worte, sobald er versichert sein konnte,. daß es Gottes Wort war. Nichts anderes wird von uns gefordert. Wir haben .auf das Wort und die Lehre zu achten, auf ‚die Lehre, die nach der. Gottseligkeit ist, auf. das 'Wort der Gnade Gottes. Das Wort bewirkte die Trennung zwischen dem Propheten und dem Bösen, das ihn umgab. Übt es auch ‚bei. uns diese Kraft aus? Es sollte so sein. Dann wollen wir in Gehorsam gegen. .das Wort Gottes wandeln und uns von allem trennen, was mit diesem Worte im Widerspruch steht. Das Wort wird immer eine Quelle des Trostes sein, und zwar durch die Versicherung dr Nähe des Herrn und durch die Freude, die das Herz genießt und womit die Seele genährt wird. Doch es muß auch eine Trennung von jeder Art des Bösen stattfinden. Wie ernst sind die Worte: „Wenn du das Köstliche vom Gemeinen ausscheidest, so sollst du' wie mein Mund sein" (V. 19). „Wenn ntin jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet" (2. Tim z, zi). Doch das vermag nur, wer sich von allem fern hält, was gegen den Willen Gottes ist. Gehorsam gegen Gott ist der einzige Schirm in bösen Tagen und führt zur Trennung von vielen Dingen. Ein solcher Pfad ist beschwerlich. Doch inmitten der Schwierigkeiten wird eine Freude aus dem Worte Gottes hervorstrahien, die das Herz vordem nicht kannte. Sicher, wir können nur dann glücklich und stark sein, nur dann einen gesegneten Einfluß haben, wenn wir in kindlichem Gehorsam gegen den geoffenbarten Willen des Herrn unseren Pfad wandeln.

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