Mutter Ditta, Anne de Moor

  • Mutter Ditta, Anne de Moor

gebraucht
Bestell-Nr.: BN0394
Autor/in:    Anne de Moor
Titel:    Mutter Ditta
Preis:    2,90 €
ISBN:    9783417002065 (früher: 3417002060)
Format:    18 x 11 cm
Seiten:    160
Gewicht:    150 g
Verlag:    R. Brockhaus
Einband:    Taschenbuch
Sprache:    Deutsch
Zustand:    leichte Gebrauchsspuren

Mutter Ditta beginnt mit ihren Aufzeichnungen erst, als sie von sechs teilweise halberwachsenen Kindern umringt ist. Sie fordern alle ihre Kräfte, sowohl die körperlichen als auch die geistigen. Sie liebt diese Kinderschar, und sie liebt und schätzt auch ihren pflichttreuen Mann. Aber mitunter zweifelt sie, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sei, besonders im Hinblick auf ihre Töchter. Halt gibt ihr eine selbstverständliche Frömmigkeit, aus ~er ihr auch die Erkenntnis eigenen Versagens zufließt. Immer aufs neue fesselt den Leser ihre Ehrlichkeit. Mutter: Ditta hat unendlich viele Schicksalsgenossinnen, und gerade ihnen werden ihre freimütigen Aufzeichnungen Aufmunterung und Zuversicht schenken.

ISBN 3-417-00206-0

Ein kleines Mädchen liegt auf den Knien vor dem nach oben geschobenen Fenster, die Arme ruhen auf der Fensterbank. Das bin ich. Während hinter mir der Vater auf dem Harmonium, unserm kostbarsten Besitz, seinen geliebten Bach spielt und die Mutter auf dem Liegestuhl mit geschlossenen Augen zuhört, sehe ich, daß der Himmel im Westen die Farben von Krokusblüten hat: orange, lila, weiß. Wie lange, lange ist dies her! Ich muß wohl so alt wie Methusalem sein, wenn ich wirklich das Kind von einst bin, das Kind dort am Fenster, das in Friesland aufwuchs.

Wie glücklich war das Kind! Es hat nie bewußt die Geschwister vermißt, weil die kleine Familie ineinander aufging. Sie vertrugen sich so gut zu dritt und später zu zweit, als die Mutter die große Reise angetreten hatte, und noch später stand das Mädchen plötzlich allein. Es hatte den Vater nicht halten können; der alte Glanz war nie wieder in seine Augen zurückgekehrt, heftiger klang der Unterton von Sehnsucht durch Bachs mächtige Schöpfungen.
Das junge Mädchen fühlte, wie er sich von ihr entfernte.
 sie dem großen Wendepunkt ihres Lebens entgegen. Er lag am Eingang eines dunklen Tunnels, düster und unbekannt, und feindlich war das Land dahinter. Über das letzte Stück des Wegs bis zur dunklen Grotte wurde sie beängstigend schnell getrieben. Doch traf es sie wie ein Blitz, als sie dicht davor stand.
Der Vater, ihr geliebter Vater, war der Mutter nachgefolgt.
Es kam eine glanzlose Zwischenperiode. Ich wohnte bei Tante Agathe in Den Haag, wo ich mein Lehrerinnenexamen
' machte und drei Jahre unterrichtete. Ein Mißerfolg. Eine tägliche Quälerei für das verträumte Mädchen aus dem Dorf, das unter dieser Stadtjugend keine Ordnung halten konnte. Sie waren so anders als Jeltje, lefke, Harmke und Okke... Sie schrien so, sie machten so viel Lärm ...
In diesen Jahren wurde ich mir - durch die Blicke von Männern und ihre schmeichelnden Worte - meiner äußerlichen Reize bewußt. Vieles erschreckte mich.
Meine beschützte Jugend war in dieser Hinsicht unbeschützt geblieben. Scheu und falsche Scham mußten Vater und Mutter
zurückgehalten haben, mich auf diese Dinge, die so wichtig im Leben sind, vorzubereiten. Eine unverheiratete Tante fand es schon »shocking«, wenn ich »Er, der Herrlichste von allen« sang!
Wieviel wissen meine Kinder von vierzehn, sechzehn, neunzehn und einundzwanzig heute! Wie erfahren sind sie ... Ich vernute so halb und halb, daß Reina, meine älteste Tochter, »alles« weiß, und das ist bei weitem mehr als ihre Mut
ter weiß.
Ja, ich muß wohl so alt wie Methusalem sein. Jan hat mich bei der Tante weggeholt.
 
 
Wie konnte Jan, der so geradlinig denkt, dessen Schritt so beneidenswert fest ist, eine derartig wankelmütige Frau wählen. Ja, wie kam das doch?
Es hat einmal einen anderen Mann in meinem Leben gegeben. Auf der pädagogischen Akademie. Er war Künstler bis in die Fingerspitzen; seine Eltern verlangten aber, er solle sein Lehrerexamen machen. Er gibt jetzt Zeichenstunden, ist aber auch ein bekannter Violinist. War das Liebe, was Tom und ich füreinander fühlten? Ich wage hierauf keine Antwort zu geben. Es war heftig, stark wie ein Sturm, ein Feuer ...
Meine Tante rührte beinahe der Schlag, als es ihr zu Ohren kam. Einen ganzen Abend lang, beim trüben Schein eines Wachslichts, das den Tee warm halten sollte, habe ich ihr gegenüber im Erker sitzen müssen. Noch heute läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich an meiner Tante schreckliche Schilderungen des verderbten Lebens denke, insbesondere das von Männern. Ob ich wüßte, daß Tom zu früh geboren sei?
»Ja, seine Eltern waren vier Monate verheiratet, als er zur Welt kam! Und das schlechte Blut war schon in ihm! Und dann so ein Geigenspieler!« Die Tante könne nicht alles erzählen, dazu wäre ich noch zu jung, aber ich müsse ihr glauben, daß alle Künstler schlecht seien. Kein Mädchen und keine Frau seien vor ihnen sicher. Tom wolle mir meine Ehre rauben und würde mich dann wegen einer anderen sitzen lassen. Ich müsse ihr Glauben schenken. Sie spräche aus Liebe für das Kind ihrer jüngsten Schwester, 
das leider genau so gefährlich hübsch sei wie diese jüngere Schwester gewesen ...
 
Am nächsten Morgen sah ich Tom vor dem Seminar, wie er mit einem Mädchen lachte und scherzte, und noch heute fühle ich den Schock, mit dem ich zu der entsetzlichen Überzeugung gelangte: die Tante hat recht! Seitdem hatte ich ihm einmal sehr kurz angebunden geantwortet und ihn von da an gemieden. Wenn ich auch jetzt immer noch deutlich den erschreckten, nicht verstehenden Blick in seinen Augen sehe, die er auf mich richtete, so ... Das war Tom. Er ist nun auch schon über zehn Jahre verheiratet.
Nicht lange nach Tantes Moralpredigt - ich hatte gerade meine erste Anstellung - kam Jan.
In Vertretung seines Vaters, der krank war, besuchte er mit seinem Koffer voll Manufakturen und Mustern meine Tante.
Und die Tante, die immer Herrn de Hoog als einen so netten, gebildeten und anständigen Mann gerühmt hatte, war sofort ganz entzückt von seinem Sohn. Jan war ein hübscher junger Mann und ein geschickter Verkäufer.
Er sah mich und ich sah ihn - ja, was ist das eigentlich? Springt dann ein unsichtbarer Funke über? Von ihm zu mir, das war sicher. Ich dachte zwar nur mit einer gewissen Sympathie an ihn und an seinen ersten Besuch, weil er meine Tante zum Kauf eines Kleiderstoffs für mich überredet hatte, so schön, wie ich niemals wieder einen bekommen sollte.
Jans Vater starb, und während sein Bruder Ernst im Laden in Amsterdam blieb, übernahm Jan den Außendienst und reiste mit seinen Musterkoffern. So ist das geblieben. Nun fährt er schon seit Jahren in einem Chevrolet und besucht die Kunden außerhalb der Stadt. Nach dem dritten Besuch bei meiner Tante fingen wir an, uns Briefe zu schreiben. Die Tante unterstützte unsere Freundschaft sehr. 
Wir waren ein halbes Jahr verlobt, und dann heirateten wir. Kurz nach unserer Heirat starb Tante Agathe an einem Schlaganfall, und damit waren für mich alle Familienbande gelöst.
Mein Leben mit Jan hatte angefangen. Ein Kind, das Schutz bei dir suchte, dem Starken. Du hast ihn mir gegeben. Daß es nicht der Schutz war, den ich suchte, war nicht deine Schuld, sondern meine. Ich hatte gedacht, in dir etwas von meinem Vater zu finden. Das war ein Fehler von mir. Nichts, aber auch wirklich gar nichts habt ihr gemeinsam. Vater war ein Träumer, ein

 

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